Sobre Gustavo da Liña

Der Künstler Gustavo Daliña, der seit 1989 in Berlin lebt, erntet im Ausland bislang wesentlich mehr Anerkennung als in seinem eigenen Land. Eine Ausnahme ist Porto Alegre, wo er seit dem Jahr 2002 ein zweites Atelier unterhält.

Die Tatsache, auf der Grenze zwischen Rio Grande do Sul und Uruguay geboren zu sein, hat die Sensibilität von Gustavo da Liña tief geprägt. Die Durchlässigkeit der beiden Territorien im Grenzgebiet, die Nähe der jeweils anderen Nation und deren allgegenwärtige Präsenz waren Erfahrungen, auf denen er seine Arbeit in Form poetischer Fragestellungen auf- und ausbaute.

Seine Arbeiten, mit der Zeit gereift, sind nicht diesem oder jenem Ort zugehörig, nicht in dieser oder jener Kultur verwurzelt, nicht dieser oder jener Zeit zuzuordnen. Dass er sich für ein Leben an einem anderen als seinem Ursprungsort entschieden hat, bedeutet keinesfalls die Verneinung seiner früheren Erfahrungen oder die Auflösung dieser Bezugspunkte und Werte. Im Gegenteil, sie bestehen in ihm fort und sind die Wertebasis, auf deren Grundlage sich der durch die Welt reisende Künstler die unterschiedlichsten Zeichen, Arbeitstechniken und Prozesse sowie Materialien zu Eigen macht und diese der ihm eigenen Logik unterwirft.

Während seine Werke aufgrund der bewegten und lebendigen Oberfläche nicht wirklich in das Genre Malerei passen, sind die vom Künstler aufgebrachten Zeichen wie Erinnerungen an eine andere Zeit. An eine Zeit, die noch nicht aufgehört hat zu existieren und in der Gegenwart noch präsent ist. Die Spuren, die Gustavo da Liña auf dem Papier hinterlässt und die den Arbeiten ihre enorme Ausdruckskraft verleihen, verstärken die Kraft der Zeichen und geben den Werken Körper und Energie.

Was lässt sich über das vom Künstler verwendete Material sagen? Es handelt sich um ein einzigartiges Papier, das Gustavo da Liña während einer Reise nach Madagaskar im Jahr 1990 für sich entdeckt hat.

Während vieler Jahrhunderte wurde das Papier mit Techniken bearbeitet, die ausschließlich von der lokalen Bevölkerung Madagaskars beherrscht wurden.

Untern den Händen von Gustavo Daliña verwandelt sich das Papier nicht nur zu beeindruckenden Kunstwerken; Im Laufe seiner langjährigen und intensiven Auseinandersetzung mit dem Papier Antaimoro ist dieses Material für ihn zum Forschungsobjekt geworden. Wie eine vom Künstler unterstütze Untersuchung am Technologischen Institut der Staatlichen Universität Sao Paulo ergab, weist das Papier eine dem Leder ähnliche Widerstandskraft auf.

Kernfragen spiritueller Natur werden verbundnen mit technologischen Aspekten und münden in der Verpflichtung des Künstlers zur Bewusstseins-Erweiterung und stetigen Sensibilisierung der heutigen Zeit.

 

 

Prof. Dr. Agnaldo Farias, 2004

Fakultät für Architektur und Stadtentwicklung der Universität von Sao Paulo.