Die Kraft des Vergänglichen

Gustavo Dalinhas Werk ist das Ergebnis einer spirituellen Auseinandersetzung mit verschiedenen und alten Traditionen. In seinem Namen Dalinha spiegelt sich wieder, dass er an der Grenze zwischen Brasilien und Uruguay geboren ist.

Diese Grenzlinie war nicht eine die trennt, sondern eine die öffnet und Ebenen miteinander verbindet. Dalinha sieht in ihr eine Spalte, einen Zugang zu anderen Welten. Es geht ihm um die Suche nach der Bedeutung, die auf den anderen Seite liegt; eine Bedeutung, die nach einer Wirklichkeit jenseits die Realität strebt.

Gustavos künstlerisches Streben ist unablässig, und sein Blick immer wieder neuartig. Gleichzeitig tritt zutage, dass seine Werke als Ausdruck seiner eigenen inneren Erfahrungen entstehen. Seine Visionen errichten neue Formen.

Der Künstler zeigt Affinität mit mehreren Traditionen: Der Tibetanische Buddhismus, das esoterisches Christentum, der Schamanismus und der Sufismus verschmelzen in der Wissenstradition der „Vierte Weg“, dem Gustavo Dalinha sich zugewandt fühlt.

Diese bedeutenden Traditionen spiritueller und philosophischer Strömungen sowie Lebenspraktiken enthüllen für Gustavo Licht, Schatten und Formen, die er in seinem Werk versinnlicht.

Sein Ziel ist es, uns durch Texturen und Farben einen Pfad zu zeigen und uns einzuladen auf einen gemeinsamen Weg, der einerseits geprägt ist vom Licht der Erkenntnis und andererseits von der Finsternis und der Stille, während der Ursprung in Dalinhas Wahrnehmung stets als etwas Mysteriöses empfunden wird. Die Materie ist nichts Finsteres, sondern sie ist wie ein leibliches Element, welches die Macht der Fruchtbarkeit in sich trägt.

Für einige seiner Arbeiten verwendet der Künstler das Papier Antaimoro als Grundmaterial. Dieses Papier wird in Madagaskar von einem islamischen Volk hergestellt, diente ursprünglich als Träger und Vermittler traditionellen Wissens und ihm werden magische Kräfte zugesprochen. Seine aus besonders langen Fasern bestehende Struktur erzeugt Spannung sowie Kraft gleichermassen, und ermöglicht eine Vielzahl unterschiedlicher Bearbeitungformen und artistischer Herangehensweisen.

Zwischen Papier und Künstler entsteht ein Dialog: Gustavo Dalinha bereitet seine Pigmente vor, und seine Absicht ist der Ursprung eines jeden Werks. Gleichzeitig gibt es Augenblicke, in denen das Ergebnis auch vom Papier bestimmt wird, je nachdem wie es die Materialien absorbiert. Wie von seinem eigenen Willen gesteuert, entscheidet das Papier gemeinsam mit dem Künstler über das Resultat des Werks.

Die vom Künstler entfalteten Themen wie das Licht, die Spalten und die Hieroglyphen schicken uns auf die Suche nach etwas Verborgenem, etwas Verschlüsseltem. Er schafft verschiedene Formen und unterschiedliche Texturen, die sich des gesamten chromatischen Fächers der gedeckten Farbpalette bedienen.

Die suggestiven Arbeiten von Gustavo Dalinha laden dazu ein, die sichbare Welt zu überschreiten und in das Geheimnisvolle einzutreten.

 

 

Maria Pimentel Castellano, 2014