Paper Biennial.

Turbulenzen in Papier - Annährungen an das Unberechenbare

Gustavo da Liña wurde als Gustavo Castro 1961 zwischen Sant’ Ana do Livramento in Brasilien und Rivera in Uruguay geboren. Sein Künstlername sagt etwas Grundsätzliches über seine Lebensgestaltung und über sein künstlerisches Prinzip aus. Sein Geburts und Heimatort liegt auf der Friedensgrenze zwischen diesen beiden Staaten und hat ihm seit Kindertagen Grenzerfahrungen, Wechsel und Austausch vermittelt. Gustavo da Liña ist als Grenzgeborener ein Grenzgänger geworden, der mit offenen Sinnen an den Erfahrungen, Lebenseinstellungen und Arbeitsweisen des Anderen teilnimmt Schon im multikulturell geprägten Brasilien haben ihn viele verschiedene Einflüsse bestürmt, hat er sehr unterschiedliche ethnische, religiöse und künstlerische Strömungen erfahren können. Begrenzung und Grenzüberschreitung hielten sich immer wieder die Waage und stimulierten doch stets auch wieder zu neuen Erkundungen. So war ihm in Kindheit, Jugend und früher Werkausprägung schon ein Stück Welterfahrung gegönnt, die dem Familiensinn und der Heimatliebe als stete Heraustorderung gegenübertrat. Wissen, woher man kommt, sowie Dahingehen, wovon man nichts weiß, sind stabile Grundlagen für das künstlerische Verhältnis von Tradition und Innovation. Bindung und Loslösung bestimmen seit zwei Jahrzehnten Lebensweg und Kunstentwicklung von Gustavo da Liña. Seine Reisen, die Verlagerung seines Lebensschwerpunktes nach Europa und eine weltoffene Orientierung sind deshalb ein notwendiger konsequenter Schritt. Der heute abwechselnd in Brasilien und in Deutschland (Berlin) lebende Künstler nimmt somit intensiv an der zeitgenössischen Globalisierung und der weltweiten Nomadisierung von Kunst und Künstlern teil.

Gustavo da Liña hat eine unverwechselbare Handschrift entwickelt, die sich eines eigenwilligen Materials bedient. Er geht nicht konzeptionell, sondern empirisch vor. Ein immer neuer Arbeitsansatz und das haptische Vergnügen an seinem Bildträger geben jedem neuen Werk a priori einen experimentellen Charakter. Er bündelt gewissermaßen vor allem in seinem derzeitigen Schaffen sinnliche und spirituelle Eindrücke aus zwei Kontinenten. Von außerordentlichem Reiz ist das eigenartige Papier, das der Künstler ausschließlich für seine Bilder verwendet. Es ist das aus Madagaskar stammende Antaimoro Papier, das auf eine alte Tradition zurückgeht. Der Künstler bezieht dieses selten gewordene Papier auch heute noch aus Madagaskar. Als er im Jahre 1990 auf einer Madagaskar Reise dieses Papier der Uhreinwohner Antaimoro entdeckte, fasste er sofort ei ne tiefe Zuneigung zu diesem Material. Der Stamm Antaimoro („die an der Küste wohnen") nahm vor mehr als achthundert Jahren gestrandete Araber bei sich auf und vermischte sich mit ihnen. Die schriftkundigen Ankömmlinge, die eine fortgeschrittene Kultur und strenge Religiosität kannten, brachten auch die Erfahrung der Papierherstellung mit nach Madagaskar. Als Rohstoff verwendeten sie in Madagaskar den Avoha, ein wildwachsendes Gebüsch.Wie in alten Zeiten werden die Avoha Fasern noch mit dem Holzhammer zermahlen. Aus dem dann hergestellten Avoha Brei werden Blätter unterschiedlicher Größen in Holzrahmen geschöpft und bei Tag und Nacht an der Luft getrocknet. So gewinnt dieses Papier eine große Stabilität und zugleich eine Elastizität, es ist strapazierfähig und haltbar, es nimmt im nassen Zustand Prägeformen an und ist in seiner Oberflächenstruktur von ästhetischer Schönheit. Man berührt und begreift es gerne, man empfindet die Materialität und assoziiert Pergament, Leder oder gar Haut. Das Antaimoro Papier, dem man auch magische Kraft zuschreibt und das von den Medizinmännern für Zauberbücher verwendet wurde, übt einestarke Anziehungskraflaufden Tastsinn aus. Wenn man dieses Material erfährt, sind die Grenzen zwischen Berühren, Abtasten, Abfahren, Greifen und Streicheln oft fließend. Gustavo da Liña verwendet sowohl das eher geglättete, ebene Papier als auch die geradezu dreidimensionale, mit Höhen und Tiefen gestaltete Papierlandschaft. Oftmals verleiht er den großdimensionierten Flächen durch Prägungen einen reliefartigen Charakter. Ohnedies ist das Antaimoro Papier nicht flächenbündig, sondern hebt sich hier und da in den Raum, aber unter der Hand Gustavo da Liñas gewinnt es eine skulpturale Form. Immer wieder sind Quadrat, Kreis oder rechteckige Balken die formale und kompositionelle Grundlage. So gewinnt das Papier schon vor dem Farbauftrag ein Volumen und eine raumgreifende Wirkung. Die Bilder oder sagt man besser Objekte des Künstlers arbeiten nicht mit malerischen lllusionen, sondern sind körperlich und damit sehr konkret. Der Farbaufirag wird nicht übergestülpt, sondern folgt geradezu sensibel der Oberflächenstruktur. So erreicht Gustavo da Liña einen hohen Grad an Kooperation zwischen Materialität und Spiritualität, zwischen Bildträger und Bildidee, zwischen Arbeitsprinzip und Experiment. Das zentrale große Bild trägt einen solchen plastischen Charakter. Die von dem Künstler in der Mitte geschaffene Falte macht aus dem Papier ein dreidimensionales Objekt. Uber eine leichte Steigung, über Höhen und Tiefen entwickelt sich so die „Spalte" als bildüramatisches Element. In ihrer Vertikalität orientiert sie das Werk vom Boden fort in die Höhe und gibt ihm damit mehr Leichtigkeit. Die kräftiger pigmentierte Spalte hebt sich in diesem geistigen Landschaftsbild markant von den flächigeren Partien ab. Mit der Spalte vermittelt Gustavo da Liña zwischen der Vorstellungswelt der Tolteken im alten Mexiko und der heiligen Kraft der Faser des Avoahbusches. Für die Tolteken waren die sebstgeschaffenen Spalten in der geborstenen Erde Orte, an denen sie den Ubergang in andere Dimensionen vollzogen. So bekamen sie Zugang zur Unendlichkeit, zu anderen Welten und zur Erforschung des Bewusstseins. Zu den in ihrer Einheit und Dichte außergewöhnlichen spirituellen, ja mitunter schon sakralen Bildern sagt Gustavo da Liña:„Die von mir übereinander gelegten verschiedenen Schichten der Pigmente bilden zusammen mit der Faltung und der Struktur des Papiers eine Einheit und erzeugen eine geheimnisvolle dreidimensionale Bildlandschaft".

 

 

Dr. Prof. Frank Günter Zehnder

Paper art 8. 2002/03 / Leopold-Hoesch-Museum, Düren.