Kraft aus stillen Formen

Was macht die Arbeiten von Gustavo da Liña schon aus? Es sind Kreise, Quadrate, Rechtecke, verschiedene Farben, mehr nicht? Mehr nicht? Im Grunde genommen sind hier alle Formen enthalten, denn die Welt besteht aus diesem zunächst bescheiden wirkenden Repertoire. Schon zu Beginn einer Auseinandersetzung mit seinen Werken kann ein spiritueller Akzent nicht übersehen werden: Die Harmonie seiner Malerei ist nicht oberflächlich, sondern eher Prinzip einer Suche nach Vollendung. Diese Vollendung und Harmonie spiegeln sich in eben diesen geschlossenen geometrischen Formen, die nicht umsonst seit dem frühen Mittelalter als Hinweise auf Gott verstanden werden oder gar ‑ etwa in der mittelalterlichen Kunst oder der Ikonenmalerei ‑ mit Gott symbolisch gleichgesetzt werden.

Sind die Bilder von Gustavo da Liña geometrische, unverbindliche Spielereien? Behandelt der Künstler keine Themen in seinen Werken? Nein, alle Themen des Menschseins und der Existenz finden sich hier, vom Geborenwerden bis zum Sterben. Sich freuen, leiden, streiten, siegen etc. sind auf eigenwillige Weise Gegenstand seiner unprätentiösen Malerei. In einem Bild ist bei Gustavo da Liña oft alles gesagt. Eines alleine schon kann Gesprächspartner des Betrachters werden und zwar auf Dauer. Seine Bilder lenken nicht ab, sondern ziehen an. Von der zurückhaltenden Malerei geht eine unbestimmbare Sogwirkung aus, die zur inneren und spirituellen Auseinandersetzung auffordert. Die künstlerische, formale wie malerische Zurückhaltung macht einen Teil der Stärke der Kunst von Gustavo da Liña aus. Dieser Reduktionismus ist kein Verlust, sondern ein Gewinn. Und wenn man es genau betrachtet, wie reich und abwechslungsreich sind seine Arbeiten: Bei vergleichbarem Formenapparat gleicht kein Bild dem anderen, kommt ihm noch nicht einmal nahe. Da sind die ganz in sich geschlossenen Werke, da sind die "Prägedrucke", die mittels Abreibungen und Abpressungen ihre dominante Oberflächenstruktur gewinnen. Und da sind Bilder die wie ausgebreitete Tücher, wie geknitterte Landkarten oder gar wie gegerbte Haut aussehen. Ist das vielleicht wirklich der Hintergrund seines Schaffens, sind das die in den Werken steckenden Erfahrungen, sind das tiefsitzende Erinnerungen an Heimat oder enthüllen sich hier ideenreiche Perspektiven? Vermutlich verbinden sich alle diese Anstöße zu den wichtigen bildwirksamen Impulsen seiner Kunst.

Eine Betrachtung und Analyse seiner Werke führt zur Benennung seiner Bildvokabeln. Da ist einmal das Element Bewegung: Es lebt vom Kreisen, von zentrifugalen Kräften, von Aufwärtsbewegungen und von zentralen Ausrichtungen. Oft hat man das Gefühl, als ziehe gerade dieses Element den Betrachter trichterformig ins Bild hinein. Und dann begegnet uns in seinen Bildern vor allem die Ruhe: Ein Lagern gibt dem Thema die Bildhaftung, ein Schweben vermittelt ihm Leichtigkeit, Stillstehen der Bewegungsablaufe führt zum Stillwerden. Beide wesentliche Bildelemente sind abhängig vom Spiel des Lichtes und des Schattens. Daraus gewinnen seine Arbeiten hauptsächlich ihre Struktur. Seine Bilder sind Landschaften, seine Bilder sind auch Körper bis in die dritte Dimension hinein, seine Bilder sind endliche Welt, da sie nur bis zum Bildrand reichen und schließlich und vor allem sind seine Bilder auch All, da ihre Ideenwelt weit über die Bildgrenze hinausgreift.

Seine Bilder entwickeln sich auf besonderen Papieren. Die Papiere sind nicht nur Träger der Bilder, sondern die Papiere sind die Bilder. Der Reiz des Materials ‑ vom Optischen bis zum Haptischen ‑ führt zur Materialität, zum Begreifen und Nachprüfen ‑ wollen von Konsistenz und begreifbarkeit des Materials, führt schließlich vor allem zur Spiritualität des Materials. Denn auch in ihm liegt eine geistige Aussage. Die Fein‑ und Grobstrukturen, die Fasernetze und Texturen vermitteln je nach Farbe, und Blattgröße jeweils unterschiedliche Wirkungen. Sie sind Stimulans, Katalysator und Stilmittel in einem. Durch seine farbige Stigmatisierung erhält jedes Blatt eine andere Wirkung. Welche Rolle spielt Farbe in den Werken von Gustavo da Liña? Alle Bilder haben etwas Feierliches, mal schwebend, mal lastend. Da sind leuchtende Bilder, die wie durchsichtige Glasmalerei oder wie brodelnde Vulkane wirken, da sind glühende Bilder, die wie sonnenentflammt und wie Seelenglut erscheinen. Das erinnert bisweilen an den vehementen, farbdurstigen Bildklang von Rohlfs. Vor allem die blaue Farbe in Gustavos Bildern spricht von unendlicher Sehnsucht, oder weckt sie. Wenn sie türkisfarben ist, suggeriert sie das Eintauchen in Wasser oder Bild. Das auf knittriger Oberfläche entwickelte dunklere Blau focusiert unseren Blick ins oder aus dem All. Graue Bilder erscheinen mitunter wie sanfte Nebelwände, wie Tore, die den Betrachter zum Eintritt einladen. Entgegen den üblichen Erwartungen sind sie keine Angstbilder, sondern sanfte Orientierungsebenen. Und schließlich lassen die erd‑ und beigefarbenen Bildflächen sonnenverbrannte, ausgedörrte, gebleichte Krusten assoziieren. Mitunter wirken solche Bilder wie die abgeformte Schollenwelt Erde.

Der Farbauftrag seiner Bilder ist fließend, getupft, gestrichen, ‑ je nach Empfindung Herausforderung, Themen‑ und Materialerfordernissen. Das Papier arbeitet durch den Saugvorgang konstruktiv am Bildprozeß mit. Es sträubt sich also nicht, es weist die Farben nicht ab, sondem es macht willig mit. Es scheint so, als verlaufe die Bildentstehung nach bestimmten sich wiederholenden Regeln. Da ist erstens das Eintonen der Flächen im Sinne einer Farbgrundierung. Da folgt zweitens eine Art Abfahren der größeren Papierstrukturen mit stärkeren Pinseln. Dieses Verfahren gibt dem Blatt bereits eine stabilisierende, kräftige Grundlagenstruktur. Es folg drittens ein sensibles Ertasten feinster Wirkungen, denen der Künstler in den Fältelungen, in den Licht- und Farbnuancen nachstellt. Und schließlich hat man viertens den Eindruck, als streichele er das Blatt zärtlich mit Farbe.

Diese ausgesprochene Anhänglichkeit an das Material und die Sensibilitat, mit der es erspürt und bestätigt wird, kommen nicht von ungefähr, sondern haben ihre Wurzeln in einem persönlichen Erlebnis des Künstlers. Bei einer Reise durch Madagaskar stieß Gustavo da Liña auf den Volksstamm der Antaimoro, der arabischen Ursprungs ist und in Madagaskar als islamisches Kulturvolk gilt. Dieses lese‑ und schreibekundige Volk hat sich seit über 600 Jahren auf der Insel behauptet. Zur Erhaltung der eigenen Tradtion und zur Vermittlung seines Wissens an die nachfolgenden Generationen entwickelte dieses Volk ein eigenes Reispapier. Dieses hautartige, elastische, fein struktrierte Papier hat es dem Künstler angetan. Er sagt selbst dazu: "Die Begegnung mit diesem Papier war wie Liebe auf den ersten Blick. Daraus erwuchs mein Wunsch, mit diesem Papier Antaimoro zu arbeiten. Für mich ist es ein lebendiges Element, das sich geradezu anbietet, mit den Händen bearbeitet zu werden. Im Umgang mit diesem Material erfuhr ich ungeahnte Möglichkeiten und es spornt mich immer wieder zu neuen Entdeckungen an."

Das heute fast nur noch touristisch verwertete und vertriebene Papier erfährt dadurch eine Entweihung. Die göttliche Kraft des Wissens und der Stammesgeschichte wird so von geschickten Vermarktern gewissermaßen der Blasphemie ausgeliefert. Es liegt in der Absicht von Gustavo da Liña, die in dem Papier steckende Kraft wieder zu beleben und damit zur Auferweckung des Eigentlichen beizutragen. Das Papier ist ein Teil der Identität der Antaimoro, die mit der Zeit verloren gegangen ist. Der Künstler bemüht sich, ein Stück dieser Identität zu entdecken, zurückzugewinnen und auf küntlerischem Wege zürückzugeben. Das Papier ist auch kostbarer Träger von Geschichte und Geschichten. Bei aller Lust eines kreativen Künstlers wie Gustavo da Liña an der Zukunft herrscht hier doch großer Respekt vor der Tradition. Es geht Gustavo darum, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, und das nicht nur auf das Papier bezogen. Vergangenheit ist ja nichts endgültig Abgeschlossenes, sondern bleibt in ihren Dokumenten, im Umgang mit ihr höchst lebendige Gegenwart. So sind das feine Abtasten der Papieroberflächen, das Bestreichen und bemalen mit Natur‑ und Erdfarben sowie die außergewöhnliche Themen‑ und Motivwelt der dramatische bis stille Versuch einer spirituellen Wiederbelebung.

Gustavo da Liña ist ein Grenzgeborener, ein Grenzerfahrener und deshalb ein Grenzüberschreitender. Sein Denken ist ‑ alleine schon durch seine Bewegungen durch die Welt ‑ universaler. Seine Bildideen und Bildwelten sagen etwas über seine kosmopolitische Freiheit aus. Die Bilder von Gustavo da Liña führen von den Augen fort und führen nach Innen. Solche Bilder brauchen wir vielleicht heute nötiger denn je. Nur wer sich davor fürchtet, wird vor seinen Werken leer ausgehen. Wer sich darauf einläßt, dem werden neue Chancen der Betrachtung und Vertiefung, Möglichkeiten der Meditation und einer Sichterweiterung geboten.

 

 

Prof. Dr. Frank Gunter Zehnder, 1992