Die Kraft des Vergänglichen

Gustavo Dalinha

Wie Wesen scheinen sie im Atelierraum zu schweben, die langen farbigen Papierbahnen von Gustavo Dalinha. Nur an zwei Punkten sind sie gehalten, während sie sich ganz leicht vor und zurück bewegen, zwischen Fläche und Raum, zwischen Bild und Körper. In ihrer kräftigen, aber stets nur auf wenige Töne begrenzten Farbigkeit geben sie einen eigenen, langsam und kräftig pulsierenden Rhythmus vor. Vor 20 Jahren hat Dalinha sein Material, das Antaimoro-Papier, das aus Baumrindenfasern handgeschöpft wird, auf einer ausgedehnten Reise nach Madagaskar entdeckt. Seitdem lässt es ihn in seiner eigenwilligen Präsenz und spannungsreichen Körperhaftigkeit nicht mehr los.

Das Papier lässt sich formen. Gegenstände hinterlassen reliefhafte Abdrücke, die wie Berge und Täler, manchmal sanft ansteigend, manchmal in dramatischem Auf und Ab die Oberfläche des Materials durchziehen. Spuren haben sich eingegraben wie bei einer schrundigen, alternden Haut, die viele Geschichten zu erzählen weiß und gleichzeitig doch so gegenwärtig erscheint. Vor unseren Augen entstehen Formationen ganzer Landschaften, innerer wie äußerer, farbig gefasst in wenigen kräftigen Tönen. Oftmals sind sie auf ein Zentrum ausgerichtet. Doch sind aus den neueren Arbeiten die symbolbeladenen Formen der Kreise, Barren und Labyrinthe verschwunden. Die Bildsprache hat sich geklärt und damit tritt das Vertrauen in die eigentümliche Kraft der Materialität umso stärker zu Tage.

In dem Zyklus Licht: An- und Abwesenheit reduziert Dalinha die Farbigkeit ganz auf Schwarz und Weiß. Vor uns breitet er seine Malmittel aus: Quartz Sand, Pigmente, Graphit und Eisenoxide werden in eine Acrylemulsion eingestreut und mit dem Papier verbunden. Mit Rakeln und Rollen wird die Masse bearbeitet und es entsteht eine von Furchen durchzogene, spannungsvolle Oberfläche. Die künstlerische Handschrift hat sich in die Papierhaut eingegraben. Dalinha geht rein in die Materie mit seinem ganzen Körper. In großer Expressivität vollführt er Schwünge, Gesten, sieht sich selbst nur mehr als Medium bei der Arbeit. Man glaubt die physische Kraft, den oft langwierigen Prozess der Entstehung zu spüren. Körperlicher Ausdruck und sinnliche Vehemenz brechen sich Bahn und werden doch im Zaum gehalten von einem hohen Maß an Sensibilität. Es ist dieser schmale Grat, auf dem Dalinha wandelt und zu dem sich das Papier wie ein Alter Ego zu verhalten scheint: Zartheit, Formbarkeit, Zerbrechlichkeit gepaart mit Expressivität, Dauerhaftigkeit, Widerstandskraft.

Die Reduktion seiner Ausdrucksmittel treibt Dalinha in einer Serie schwarzer Bilder noch weiter. Nahezu monochrom machen sie die Vielschichtigkeit und den subtilen, lebendigen Reichtum an farbigen Nuancen bis ins tiefste Schwarz hinein erfahrbar. Auch aus der gänzlichen Abwesenheit von Licht dringt ein sinnlicher Schimmer. Das Spannungsfeld von Formauflösung und Formwerdung sind konzentriert auf nur wenige Bildmittel, die die Prozesse des Unbewussten in sich tragen. Die Farbe scheint jetzt fast autonom, so dass Allusionen an Außerbildliches nicht mehr erkennbar sind. Die formale Reduktion dieser Bildreihe macht den Entstehungsprozess in seiner Vehemenz umso stärker erfahrbar, dieses Einssein mit dem Material im Schöpfungsakt. Ein Anflug von Erotik schwingt mit.

Fast möchte man die Serie der Collagen in ihrer heiteren, lyrischen Poesie als Gegenbild zu der existentiellen Schwärze verstehen. Auch hier nutzt Dalinha den Charakter des Papiers. Die Farbe wird von ihm aufgesogen, durch die Fasern hindurchgezogen, so dass zwei Bilder entstehen: vorne und hinten, innen und außen. Von jeweils eigenem Charakter, ganz unterschiedlich im Ausdruck zeigen sich die zwei Seiten der Membran. Parallelen zur menschlichen Haut drängen sich auf, die Zeichen von Leben in sich trägt, aber doch kaum zu entschlüsseln ist. Die Frage nach dem, was wirklich ist, was wir wahrnehmen können und wie wir mit unseren eingeschränkten Möglichkeiten individuelle und gesellschaftliche Wirklichkeit konstituieren, wird angedeutet. Platons Höhlengleichnis kommt in den Sinn.

Bezeichnenderweise nutzt Dalinha für seine Collagen zumeist die Rückseite, die nur indirekt bearbeitete Innenseite und kehrt sie nach außen. So nimmt sich der Künstler aus dem Entstehungsprozess weitestgehend heraus und tritt hinter das Material und seine Eigenwilligkeit zurück. Der Prozess der Bildkonstituierung wird weitestgehend dem Papier überlassen. Was so sichtbar wird, bringt der Künstler auf einen großen Bogen weißen Papiers und legt mit schneller Geste wie zufällig farbige Zeichen darüber. Aus dem Unbewussten geboren, vereinen sich so die unterschiedlichen Bildebenen und besitzen in ihrer Anmutung an japanische Kalligraphie eine hohe, schwer deutbare Symbolkraft. Dabei scheinen sie der Zeit enthoben. Der Prozess der Entstehung ist ihnen eingeschrieben, aber nicht als eingefrorene Geste. Im Material scheint er vielmehr weiter fortzuwirken.

In einer anderen Reihe von Collagen, De-Konstruktion und Re-Konstruktion genannt, unterzieht Dalinha das Antaimoro-Papier einem sehr viel strengeren, regulierteren Ausdruck. Aus nahezu rechteckigen Streifen baut er farbige Strukturen auf weißem Untergrund, die zumeist horizontal ausgerichtet sind und entfernt an Arbeiten der Minimal Art erinnern. Hier und da erheben sich wie Architekturen kleinere und größere Rechtecke in der Vertikalen und fungieren als Begrenzung an den Außenseiten. Dieses Gerichtetsein ist ein Motiv, das schon in früheren Werkkomplexen für da Lina wichtig war. Das Thema der Grenze, des Geschiedenseins, aber auch des Übergangs spielt in physischer sowie metaphysischer Hinsicht für den Künstler eine große Rolle. Ausgangspunkt seiner Gedanken hierzu ist die persönliche Biographie. Dalinha wuchs unmittelbar auf der Grenze zwischen Brasilien und Uruguay auf, so dass er sich früh der Relativität und Willkür dieser von Menschen gemachten Setzungen bewusst werden konnte. Der Zwischenraum ist seither sein Zuhause, sowohl geographisch zwischen Europa und Südamerika, als auch künstlerisch. Als bildender Maler bewegt er sich mit dem Pathos der großen Geste verbunden mit einer fein austarierten Sensibilität für die leisen Töne zwischen den Extremen einer heiteren Leichtigkeit gepaart mit existentialistischem Ernst.

Fast spielerisch geht Dalinha mit dieser großen Erzählung, die unabhängig von Ort und Zeit ist, in seiner Reihe der Penduricalhos um. Mehrere Papierbahnen unterschiedlicher Größe und Farbigkeit legt der Künstler übereinander und verbindet sie an nur einer Seite. Oft sind es Überreste anderer Arbeiten, die da in diesem ewigen Kreislauf des Werden und Vergehens zusammenkommen. Die farbigen Bahnen bewegen sich frei und geraten bei jedem Luftzug leicht in Schwingung. Die Kraft der Zeichen tritt in den Raum, wird körperlich präsent. Ein Hauch von Melancholie scheint in ihrer Heiterkeit mitzuschwingen, als wären sie sich ihrer Vergänglichkeit bewusst.

 

 

Sabrine Ziegenrücker